Dr. med. Volker Bohlscheid                   Auskultation des Herzens 
Clinical Skills sind die Kernkompetenz jedes Arztes

Entwicklung, Hochblüte und Niedergang der Herzauskultation

 

Entwicklung
Schon im Altertum kannte man die Technik des Behorchens in der Medizin. Hippokrates beschrieb Befunde:
Lungenödem – „..und wenn man lange Zeit das Ohr an die Brustwand legt und horcht, kocht es drinnen wie Essig.“ 
Pleuritis – „..und es knirscht wie von einem Lederriemen.“
Viele Jahrhunderte war diese Kunst vergessen. Dem Arzt  Corvisart fielen Anfang des 19. Jahrhunderts aus der Distanz hörbare Herztöne auf. Aber erst sein Schüler Rene Laennec verwendete technische Hilfsmittel für die Auskultation: Zunächst eine Papierrolle, dann ein Hörrohr aus Holz.
Die ersten Stethoskope, die aus einem Trichter als Endstück, angeschlossen an zwei Ohrstücke, bestanden, wurden von den Ärzten Arthur Leared und George Cammann ab 1850 entwickelt. Das erste Stethoskop mit Membran-Bruststück baute der Italiener Aurelio Bianchi 1884, indem er eine Wasserdichtung verwendete. Seitdem konnte man nicht nur tiefe, sondern auch hohe Frequenzen auskultieren.
Das erste, unseren heutigen ähnliche Stethoskop wurde erst 1963 vom Kardiologen Dr. David Littmann entwickelt und patentiert. Dieses Doppelkopf-Stethoskop wird bis heute kaum verändert verwendet.

Hochblüte
In den 1950er und 1960er Jahren entwickelte sich die Herzchirurgie stürmisch, insbesondere durch die Einführung der extrakorporalen Zirkulation. 1958 wurde in Deutschland der erste Vorhofseptumverschluß unter Anwendung einer Herz-Lungen-Maschine in Marburg durchgeführt, 1960 der erste Mitral- und kurz danach der erste Aortenklappenersatz. Da die Herzkathetertechnik noch in den Kinderschuhen steckte und Bildgebung des bewegten Herzens und der Blutströme noch lange nicht existierte, entwickelten die Kardiologen eine bis zur absoluten Perfektion hochentwickelte Hörkompetenz, mit der sie vermittels der Auskultation des Herzens, lediglich flankiert durch EKG-Befunde und ein Röntgenbild des Thorax, Herzvitien nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ mit einem Höchstmaß an diagnostischer Sicherheit zu graduieren vermochten. Auskultationsexperten und Buchautoren wie Hans Blömer, München, und Klaus Gahl, Hannover, später Braunschweig, und viele andere große Kardiologen diagnostizierten rein klinisch Herzvitien so perfekt, daß die Herzchirurgen sich absolut sicher darauf verlassen konnten und danach mit Erfolg operierten. Die Kardiologen galten in dieser Zeit als Grandseigneurs der Internisten, die die höchstentwickelte klinische Expertise besaßen und alle anderen Internisten und Praktiker (Allgemeinmediziner gab es damals noch nicht) in der Herzauskultation ausbildeten.


Niedergang
Bereits in den 1950er Jahren wurde mit Ultraschalimpulsgeräten zur Darstellung bewegter Strukturen am Herzen experimentiert. Klinisch zuverlässig anwendbare Echokardiographiegeräte kamen Ende der 1970er breit zur Anwendung. Ende der 1980er Jahre brachte die Farbdopplertechnik den endgültigen Durchbruch, die nicht nur feste, sondern auch flüssige Strukturen des Herzens mit deren Strömung bildlich zur Darstellung brachte. Seitdem konnten Herzfehler mit einem bildgebenden Verfahren direkt dargestellt und diagnostiziert werden. Auch die Herzkathetertechnik wurde verbessert. Ab den 2000ern traten Kardio-CT und Kardio-MR als hervorragende tools der bildgebenden kardialen Diagnostik hinzu.
Sobald die (Doppler-)Echokardiographie breit verfügbar war, verloren die Kardiologen schlagartig das Interesse an der Herzauskultation. Seit den 90er Jahren gibt es so gut wie keine wissenschaftliche Aktivität mehr auf diesem Gebiet, nur noch vereinzelt werden Arbeiten publiziert. Die kardiologischen Kongresse blenden diese ehemals höchstentwickelte ärztliche Kunst komplett aus. Die Kardiologen verloren in den letzten 30 Jahren mehr oder weniger vollständig ihre Auskultationskompetenz mangels Training. Jüngere Ärzte lernen sie nur noch ansatzweise oder gar nicht mehr. Es gibt kaum noch Kardiologen, die diese Kunst suffizient unterrichten. Damit sind auch die Lehrer weggebrochen, die den nicht-kardiologischen Fachdisziplinen die Herzauskultation beibringen können, mit  fatalen Folgen v.a. für die Basisversorgung (Hausärzte etc.).  Auch in der Akutmedizin hat dieses fachliche Defizit erhebliche negative Auswirkungen für den Patienten, dessen kardiale Erkrankung (z.B. akute Mitralklappeninsuffizienz, akuter VSD usw.) vom Akutmediziner nur noch schwer oder gar nicht mehr klinisch diagnostiziert werden kann.
Die Studie von Mangione et al.  (Am J Med 2001;110:210-216) ist ein trauriges Dokument der heutigen fast vollständigen Inkompetenz der Herzauskultation bei kanadischen, amerikanischen und britischen Trainees.
Nicht zu vernachlässigen sind  die ökonomischen und weitere  Auswirkungen:  Unzureichende  klinisch-ärztliche Fachkompetenz mündet in überbordende apparative  "Schrotschußdiagnostik", die  finanzielle Ressourcen verschwendet und nicht zuletzt auch die Patienten unnötig stark belastet (Röntgenstrahlung etc.).

 

 



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